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Sebastian Linkenheil, Badisches Tageblatt, 11.8.2018

 

.... look at me“ in der Pagodenburg

 

Rastatter Kunstverein eröffnet heute seine Ausstellung mit Bildern von Dietrich Walther / Vernissage mit Künstlergespräch

 

Noch sind die Fenster im Erdgeschoss der Rastatter Pagodenburg wegen Vandalismusschäden mit Sperrplatten verschalt. Aber Dietrich Walther, dessen Ausstellung der Rastatter Kunstverein heute eröffnet, findet die dadurch zusätzlich entstandene Wandfläche gar nicht schlecht. Jedenfalls bezieht er sie bei seiner Präsentation von Fotografien, Gemälden und Mixed-Media-Techniken geschickt mit ein.

.... look at me“ hat der Berliner Künstler seine erste Ausstellung in Rastatt überschrieben. Und für ihn spiegelt sich in diesem Titel durchaus einer der Gründe wider, warum er Kunst macht.

Denn natürlich will der Künstler in seinem Schaffen immer auch einen Teil seiner selbst präsentieren, sein Innerstes nach aussen kehren. Das Aussen wiederum wirkt auf die Bildinhalte zurück, indem sie mit der Gesellschaft interagieren. Diese Anregungen holt sich Dietrich Walther aus dem Internet. Fotos von Menschen aus den Weiten des Netzes werden zum Ausgangspunkt raffinierter Neufindungen durch digitale Bildbearbeitung. Die Verfremdungen irritieren und faszinieren zugleich. Dabei handelt es sich nicht um Porträts. „Die Dargestellten selbst interessieren mich eigentlich nicht mehr – sie sind anonym und bleiben anonym“, erklärt Walther und geht wie zum Beweis der Ausnahme, die die Regel bestätigt, zum einzigen Selbstbildnis der Ausstellung, für das der Berliner ein Foto von sich selbst verwendet und es vor einen Bildausschnitt einer Lieblingskollegin – Cornelia Schleime – gesetzt hat.

Apropos Kollegen: Dass Pop Art sein Werk beeinflusst, kann Walther unterschreiben, auch diverse Malerfürsten der jüngeren Kunstgeschichte wirkten darauf ein. Im Obergeschoss der Pagodenburg fühlt man sich mehr noch an japanische Mangas erinnert. Auch wenn die plakativen Gemälde nicht eigentlich etwas erzählen wollen. Oder vielleicht doch? Quellen für diesen Zyklus namens „trans figures“ war wieder das Internet – Pornoseiten im Besonderen. Aber keine Sorge, die Ausstellung ist trotzdem nicht peinlich und durchaus jugendfrei. „Das Pornografische habe ich aus den Bildern eliminiert“, betont der Künstler. Es interessiert ihn etwas anderes: Durch extrem herangezoomte Bildausschnitte erhalten Posen, Gesten und Körperteile eine zwar nicht unbedingte sexuelle Bedeutung. Es geht aber schon um eine Art körperliche Übergriffigkeit, eine Nähe, die nicht unbedingt angenehm sein muss und die Frage, inwieweit man sie zulassen möchte und wo die Grenze ist.

Dabei ist Walthers Art der Darstellung äusserst reduziert. Mit wenigen Linien gelingt es ihm auf faszinierende Weise, Seelenzustände zu erfassen. Das gilt auch besonders für ein androgynes Doppelbildnis. Das Geschlecht der Personen lässt Walther bewusst im Unklaren. Da verschwimmen die Grenzen zwischen Malerei und Zeichnung. Der Kohlestrich spielt denn auch eine entscheidende Rolle in Walthers Maltechnik. Er setzt seine Linien auf eine rotgrundierte Leinwand und rückt dann mit weisser Farbe gerade so nah ans Kohleschwarz heran, dass eine feine Andeutung von Rot stehen bleibt. Die Wirkung spricht für sich.

Zur Einführung heute gibt es ein Künstlergespräch. Die Ausstellung ist dann bis 2. September geöffnet. Hoffentlich bleibt sie von Vandaleneinfällen verschont.

 

Rainer Wollenschneider, Badische Neueste Nachrichten, 11.8.2018

 

Auseinandersetzung mit sich und der Welt

 

Ausstellung „.... look at me“ in der Pagodenburg

 

Welche optimalen Möglichkeiten die Pagodenburg für künstlerische Präsentationen bietet, kann wieder aktuell durch die Ausstellung des Berliner Künstlers Dietrich Walther belegt werden.

Dem Kunstverein Rastatt gelingt es so ausserdem, mit den etwa 30 Arbeiten Walthers die Phase zu überbrücken, bis im September eine Schutzverglasung das Parterre des barocken Bauwerks vor Vandalismus schützen soll.

Ich möchte, dass etwas von mir überlebt“, erklärt Dietrich Walther im BNN- Gespräch. „Meine Werke sind eine Auseinandersetzung mit mir und der Gesellschaft“. Ausserdem schätze er die Zusammenarbeit mit dem Rastatter Kunstverein und die gelungene Möglichkeit, aus Berlin herauszukommen.

Bei den Arbeiten Walthers steht der Mensch im Mittelpunkt. „So habe ich angefangen und das bleibt auch so“. Im Erdgeschoss werden neuere Arbeiten des Künstlers gezeigt. Dabei „fischte“ er anonyme Fotovorlagen aus dem Internet, die auf das Wesentliche reduziert wurden.

Bei den variantenreichen Belegen des meisterlichen Arbeitens Walthers steht die Verfremdung des Objekts im Mittelpunkt. Man wird in die Welt der Mixed- Media geführt, den Grenzbereich von Fotografie und malerischem Gestalten. Dabei sind auch Bleistiftzeichnungen auf Karton, bei denen der Besucher genau hinschauen sollte.

Im Vorfeld der Ausstellung hatte Walther die Ausstellungsräume erkundet: „Ich wollte mit dem Raum arbeiten“, sagt der Künstler. Und das ist ihm auch gelungen.

Überwiegend aus dem Zyklus „trans figures“ sind im Obergeschoss der Pagodenburg Arbeiten ausgestellt, die durch das Posterhafte optisch beeindrucken. Es finden sich einmal eine gelungene Weiterführung des Art-deco-Genres hin zur Popart und dann wieder künstlerisch- akribisch ausgeführte Details in Acryl und Öl auf Leinwand. „Der Ausschnitt ist wichtig und ich habe pornografische Vorlagen reduziert. Nur die Geste bleibt übrig“, erläutert Dietrich Walther.

Arbeiten wie „Wildfang“ oder „Empathie“ mit einem Fusssohlen leckenden Personenprofil werden den Betrachter zur Einordnung anregen. Man wird bei der Präsentation Dietrich Walthers beim Betrachten geradezu in die Arbeiten hineingezogen.

Teilweise provokativ sind auch die Arbeiten aus dem Zyklus „models“. „Die Bilder sollen knallen“, merkt Walther an. Im Pop Art- Stil mit dem Verzicht auf jede räumliche Tiefe werden Personen plakativ in veschiedenen Positionen eingefangen. Auch hier stammen die Vorlagen wieder aus dem Internet und wurden reduziert. Dabei griff der geborene Wiesbadener bewusst auf die älteste Farbkombination der Welt zurück -schwarz-weiss-rot, wie bei einer Höhlenmalerei. Mit „.... look at me“ ist dem Berliner Künstler Dietrich Walther eine Zusammenschau gelungen, die viele Besucher verdient.

 

Dr. Elena Sadykova zur Ausstellung „look at me“ von Dietrich Walther in der

White Square Gallery, Berlin, April 2018

 

In der Einzelausstellung „look at me“ präsentiert die White Square Gallery ausgewählte Arbeiten des Berliner Künstlers Dietrich Walther (*1959, Wiesbaden).
Seit seinem Studium in den 1980ern Jahren arbeitet er als freischaffender Künstler, erst im Bereich der Fotografie und später überwiegend als Maler. Heute experimentiert er gerne mit verschiedenen Techniken und schafft Werkgruppen in den Bereichen Zeichnung, Mixed Media, und Fotografie.
In der White Square Gallery zeigt Dietrich Walther sechzehn Gemälde, die in den letzten fünfzehn Jahren entstanden sind und somit eine Art Retrospektive seines bisherigen Werkes bilden. Obwohl diese Arbeiten verschiedenen Zeiten und unterschiedlichen Zyklen angehören, ist deren Zusammenhalt unübersehbar. Dieser lässt die ästhetischen und thematischen Hintergründe nachvollziehen, die dem Werk zugrunde liegen, ebenso die Vorbilder und Inspirationen des Künstlers aber auch sein Anliegen und somit sein eigentliches Ziel.
Wie uns bereits der Titel der Ausstellung "look at me" verrät, geht es hier zunächst um das Schauen und Sehen. Der Betrachter wird beim Umschauen mit den Blicken konfrontiert, die auf ihn von allen Bildern dieser Ausstellung gerichtet sind. Die Intensität, ja die Magie dieser Blicke zieht den Betrachter in die Bilder hinein und verwandelt die fragilen, schemenhaften, transparenten Figuren in tiefgründige, vielseitige, rätselhafte Lebewesen mit ihren eigenen großen und kleinen Geschichten. Und es wird dem Betrachter selbst überlassen, sein eigenes Gefühl dafür zu entwickeln, seine eigenen Storys zu erzählen, die ihm durch eine gestische oder mimische Position der gemalten "Protagonisten" suggeriert wird.
Bei aller ihrer Rätselhaftigkeit erscheinen die Arbeiten dem Betrachter nicht fremd. Im Gegensatz erkennen wir in diesen Bildern unsere Welt wieder, zum einen Teil direkt, zum anderen aber intuitiv. Das geht auf zwei wesentliche Faktoren zurück: die vom Künstler gewählten Vorlagen und seine stilistischen Mittel. Wie bereits viele zeitgenössische Künstler arbeitet auch Dietrich Walther mit Fotovorlagen, die er im Internet findet. Nachdem er in einem künstlerischen Prozess die unnötigen Details entfernt, überträgt er das Bereinigte, das Wesentliche auf die Leinwand. Die Werke, die danach entstehen, beschwören den vertrauten, allgegenwärtigen Pop-Art-Geist. Sie erinnern uns an die Poster und Wandbilder, mit denen viele von uns aufgewachsen sind.
Die erahnte Vertrautheit, gepaart mit dem scheinbar Befremdlichen, reizt den Betrachter und gibt ihm die Motivation, in die Bilder einzudringen, sie zu fühlen. Und genau darum geht es in dieser Ausstellung.

 

 

 

 

 

Veronika Witte zu den Arbeiten von Dietrich Walther in der Ausstellung

"dark days in paradiese" im Kunstverein Tiergarten, Berlin, Januar 2018

 

Wie viele zeitgenössische Künstler greift Dietrich Walther für seine Gemälde, Mixed Media Arbeiten und fotografische Arbeiten auf Fotos, meist aus dem Internet, zurück. Walther transformiert diese Fotos in Stencil-Graffities, bereinigt diese von ausgewählten Bildinformationen und überträgt dieses Destillat auf die Leinwand.

 

Die Kunsthistorikerin Dr. Rosa von der Schulenburg beschreibt es so: „Die Reminiszenz an Pop-Art-Poster und Wandbilder der späten 1960er und 1970er Jahre ist (…) unübersehbar. Modelliert aus amorphen und zugleich präzise platzierten Schatteninseln, erinnern sie an die einprägsamen Porträt-Abstraktionen von Idolen wie Che Guevara, Angela Davis und Jimi Hendrix, die wiederum die kurz zuvor in den 1960er Jahren entwickelten Gestaltungsprinzipien der berühmten Beatles-Posters von Richard Avedon und die der Siebdruck-Porträts und -Blumen von Andy Warhol variierten und popularisierten.“

 

Walthers Bilderzyklus „absence“ basiert auf gefundenen Fotos als auch auf Schnappschuss- Portraits aus Familienalben. Seine Figuren erscheinen entwurzelt und verloren, vor allem in den Werken, die mit dem Titelzusatz „Familie“ und „Selfie“ ergänzt sind. Der Titel des Werkzyklus verweist dabei auf etwas Nichtanwesendes - sei es u.a. ein vergangenes Ereignis, eine Person, das Bewusstsein des eigenen Werdens und der eigenen Existenz - das vom Künstler intendiert ist, aber auch Raum für Interpretationen des Betrachters freigibt.

 

Walthers Figuren werden zu Schattenwesen eines in der Vergangenheit gelebten Lebens, im world-wide-web gefundene Selfies werden zu verfremdeten Zitaten des Menschlichen im Zeitalter der digitalen Kommunikation. Im Prozess sich fortschreibender Reduktion mutieren die Menschen, ihres Hintergrundes und der Dimension entrissen zu Chiffren. Stets begibt er sich in seiner Arbeit auf die Suche nach dem inneren Zustand des Subjekts und beleuchtet die identitären Deformationsprozesse der medialen Gegenwart, gleichermaßen sondiert er das empfindlich gestörte Verhältnis zwischen Öffentlichkeit und Privatheit in einer global vernetzten Welt.

absence       (Dr. Rosa von der Schulenburg, April 2013)

 

Warum nicht beim Sprechen bzw. Schreiben über Bilder mit der „Betrachtung“ der Bildtitel anfangen? Eine rhetorische Frage, die als Sprachfigur bereits auf das Wesentliche der Titel von Dietrich Walthers Bilderzyklen abzielt und zugleich etwas vom Wesen seiner Bilder zur Sprache bringt: „Synekdoche“, „Wildfang“, "trans figures", "absence", so die ungewöhnlichen, vielsagenden Titel von Werkreihen. Auf der sprachlichen Ebene arbeitet der Künstler offenbar mit Stellvertreterfiguren und Metaphern und könnte damit subtil – so die unterschwellig nahegelegte Vermutung – auf Strategien seiner Bild-Findung und Bild-Verarbeitung und letztlich seiner künstlerischen Motivation hinweisen. Der Titel "absence" der neuen Serie spricht von etwas Abwesendem. Sind damit reale Personen, Ereignisse und Orte gemeint, auf die sich die figurative/gegenständliche Malerei bezieht?

Doch werden wir konkret und betrachten die jüngste Reihe von Gemälden, die alle auch einzeln den Bildtitel "absence" tragen und – entsprechend ihrer Entstehung – fortlaufend nummeriert oder auch mit dem Titelzusatz „Familie“ in Klammern versehen sind. Auf den ersten acht Bildern erkennen wir Häuser in stark beschädigtem, unbewohnbaren Zustand. Es sind großstädtisch wirkende Gebäudekomplexe, gezeichnet von Bränden, Sprengung oder Erdbeben, sowie einfache ländlich wirkende Bauten, deren fachwerkartige Strukturen aus unersichtlichen Gründen dem Verfall anheimfallen. In einen einheitlich düster roten Farbton getaucht und von dunklen Konturen und Schattenzonen modelliert, stehen die monumentalen Gebäude als monolithische Blöcke kontrastreich vor monochromen Farbfeldern. Die mit rostig rot-braunen Konturen und Schattenflächen wiedergegebenen schlichten Bauten hingegen zeichnen sich vor dem Hintergrundton eher blass ab, bzw. sind von ihm durchdrungen und wirken nicht zuletzt deswegen wie abgewrackte Kulissen. Das romantische Vergnügen, welches das Betrachten vormoderner Ruinen sowie deren künstlerische Adaptionen bereiten kann, mag sich schon allein auf Grund des aggressiven Rottons der ruinösen Monumente und der in Auflösung begriffenen ephemeren Tektonik nicht einstellen. Das Wohlgefallen, das die Ruine als Wahrzeichen des Vergänglichen, gleich einem Pawlowschen Reflex, in uns Sterblichen auszulösen vermag, wird hier durch die dafür unbotmäßig plakative Ästhetik des Pop konterkariert. Alle Gemälde dieser Bildfolge von Dietrich Walther scheinen einem postmodernen Oberflächen-Ästhetizismus der perfekten Form und satt farbigen Buntheit zu huldigen und sich von diesem zugleich durch das Dargestellte zu distanzieren.
Die Reminiszenz an die Pop-Art-Poster und Wandbilder der späten 1960er und der 1970er Jahre ist vor allem bei den Köpfen, insbesondere bei deren Augenpartien, unübersehbar. Modelliert aus amorphen und zugleich präzise platzierten Schatteninseln, erinnern sie an die einprägsamen Porträt-Abstraktionen von Idolen wie Che Guevara, Angela Davis und Jimi Hendrix, die wiederum die kurz zuvor in den 1960er Jahren entwickelten Gestaltungsprinzipien der berühmten Beatles-Posters von Richard Avedon und die der Siebdruck-Porträts und -Blumen von Andy Warhol variierten und popularisierten. Diese nach fotografischen Vorlagen gefertigten Schablonendrucke, Serigraphien und Stencil-Graffiti prägten leitmotivisch den kollektiven Bilderschatz der westlichen Jugend jener Zeit. Sie gehörten zur visuellen Populärkultur mit der auch Dietrich Walther und die Verfasserin dieses Textes aufwuchsen. Zumeist entweder anonym oder von Werbegrafikern und Public-Art-Akteuren geschaffen, deren Namen man heute nicht mehr kennt, zählen sie zweifellos zu den bedeutenden Insignien der damaligen Jugendkultur. Mehr noch: Sie sind Ausdruck des Lebensgefühls einer ganzen Generation. Bei der Umwandlung fremder Fotovorlagen zu grafischen Schablonenfiguren fragte man weder nach dem Copyright, noch erhob man Anspruch auf Originalität und Exklusivität. Die ikonischen Bildformeln waren kollektives Eigentum, an dem man im Nehmen wie Geben partizipierte. Diese postmoderne Haltung entspricht auch der mit welcher Walther seine fotografischen Vorlagen aus dem Internet herunterlädt, sie mit Hilfe von gängigen Photoshop-Tools auf graphische Grundelemente reduziert, Hintergründe eliminiert, einprägsame Bildzeichen herausfiltert sowie die Einfärbung von Konturen und Flächen bereits am Bildschirm simuliert. Mit einem Beamer projeziert er das in vielen einzelnen Schritten gewonnene Destillat auf eine Leinwand, paust das virtuelle Lichtbild mittels Kohle, Blei- oder Filzstift darauf ab und verwandelt das gezeichnete Gerüst dann mit sorgfältigem Pinselauftrag, fein getupft oder penibel flächig verstrichen in Acryl und Öl, in ein Gemälde. Diese Malerei auf Leinwand freilich erscheint als ein Hybrid aus Schattenriss, Negativ-Positiv-Zeichnung und Pop-Poster. Das gemalte Bild verleugnet nicht, dass es auf einer fotografischen Vorlage in abstrahierender medialer Bildbearbeitung basiert. Walther adaptiert Vorgefundenes und scheint sich zugleich, mittels Reduktion zu piktogrammatischen Elementarzeichen in perfektionierter, von allem Unwesentlichen gereinigten Form davon zu distanzieren und zu emanzipieren. So plakativ die Bilder bei erster Betrachtung wirken mögen, so vielschichtig und komplex ist das mit und in ihnen indirekt angesprochene Absente.
Der Titel "absence" verweist präzis verknappt auf das Paradox der anwesenden Abwesenheit. Man meint zu spüren, dass alle Bilder sich auf etwas Vorhergegangenes und Vergangenes beziehen, was unter einer Ästhetik der perfekten Oberfläche unter Verschluss gehalten wird, also unterschwellig präsent ist. Könnten sich unter dem schönen Schein der Form- und Farbharmonien Trauer über Verlust, Sehnsüchte und Begehrlichkeiten, Monströses und Unbotmäßiges verbergen? Unausgesprochen erwarten wir, dass eine figurative/gegenständliche Bildkunst etwas über die Realität offenbart, dass sie auf etwas Anderes verweist und dieses bedeutungsvolle Andere zugleich selbst ist – und dass sie uns daran partizipieren lässt. Der Art und Weise ihrer Bildhaftigkeit soll eine Bedeutung innewohnen, die uns bei jeder Betrachtung von Neuem anspricht, weil sie sich nicht in Gänze offenbart. Von welchen Katastrophen erzählen die menschenleeren Ruinen (Nr. 1-8)? Mit den gespaltenen Gesichtshälften (Nr. 15, 16) und Doppelbildern (Nr. 13 u.a.) scheint etwas nicht zu stimmen, aber was? Das androgyne Kindwesen, dessen obere Schneidezähne aufblitzen (Nr. 9), ist einem nicht recht geheuer, und der massige Hund mit den gefletschten Reißzähnen wirkt definitiv bedrohlich (Nr. 10). Doch Walthers Bilder sind weder Sequenzen aus einem Comic strip, dessen Bild-Text-Konstellation letztendlich keine Fragen offen lässt, noch redundanter Kitsch, dem jegliche Doppelbödigkeit fehlt und der sich im Klischee, in Illusion und Harmlosigkeit entäußert. Sie verweisen zweifelsohne auf etwas, ohne sich aber in diesem Verweis zu erschöpfen.
Am deutlichsten wird dies in den Bildern mit dem Titel-Zusatz „Familie“ in Klammern. Dietrich Walther zitiert und verfremdet zugleich Fotos von Kindern, Jugendlichen und Eltern aus Familienalben. Es sind Porträtfotos und Schnappschüsse aus der eigenen Kindheit und Jugend und dem familiären Umfeld. Kindheitserlebnisse wie die Fahrt in einem Jahrmarktskarussell und das Verkleiden zur Faschingszeit (Nr. 22, 24) gewinnen Gestalt, ohne anekdotisch und individuell konkret zu werden. Das angedeutete Versprechen von Nähe, Intimität und Privatheit wird nicht eingelöst. Körperlos flach zeichnen sich die Menschen als Schattenrisse ohne Kontext vor hellen Hintergründen ab und werden teils von transparenten Farbschlieren überlagert. Als Schattenwesen einst gelebten Lebens stehen sie als Dispositiv und Negativfigur untereinander in Beziehung und sind zugleich auf einen Fotografen hin orientiert. Dieser imaginäre erste Betrachter ist nicht zu sehen und doch im Bild.
„absence“ reflektiert die vielschichtige und zugleich triviale Präsenz von Absenten nicht allgemein und beliebig, sondern konkret und zeitbezogen. Indem Walther die Ästhetik und mediale Bildsprache des Pop (Poster, Sieb- und Schablonendruck, Comic) sowie die typischen Erinnerungsfotos einer Kindheit und Jugend in den 1960er/1970er Jahren zitiert und miteinander verknüpft, gelingt ihm intuitiv eine visuelle Analyse der trivialen Bildmoden, die nicht nur ihn und seine Generation prägten, sondern auch heute von einer jüngeren Generation von Künstlern und sogenannten Kreativen allenthalben retrochic durchdekliniert wird. Im Unterschied zu deren häufig unreflektierten Gefälligkeit besitzt die Metaphorik des anwesend Abwesenden in der Malerei von Dietrich Walther die Dimension visuell reflektierter Zeitzeugenschaft. Das ist nicht nur schön anzusehen.

 

 

trans figures        (Dr. Claudia Beelitz, Mai 2009)

 

„Dasjenige aber nur allein ist fruchtbar, was der Einbildungskraft freies Spiel läßt. Je mehr wir sehen, desto mehr müssen wir hinzudenken können. Je mehr wir dazudenken, desto mehr müssen wir zu sehen glauben. In dem ganzen Verfolge eines Affekts ist aber kein Augenblick, der diesen Vorteil weniger hat, als die höchste Staffel desselben.“ *1

 

In seinem vor nahezu 250 Jahren entstandenen Laokoon-Text fragt Gotthold Ephraim Lessing nach dem Verhältnis und den jeweils spezifischen Bedingungen von Malerei und Poesie in den Paradigmen von Zeit und Raum. Für die Zeitstruktur der bildenden Kunst prägt Lessing den Begriff des „fruchtbaren Augenblicks“. Gemeint ist jener Moment, der vor bzw. nach dem Höhepunkt einer in zeitlicher Abfolge verstandenen Handlung liegt und so das „Hinzudenken“, d.h. die Vorstellungskraft der Rezipierenden zu aktivieren vermag.
Es stellt sich die Frage nach der Aktualität dieses in der Aufklärung verwurzelten und vielfach rezipierten Gedankens. Ist Lessings „fruchtbarer Augenblick“ auch im Kontext zeitgenössischer Kunst fruchtbar? Und kann eine Reflexion dieses aus dem Handlungszusammenhang isolierten Moments möglicherweise auch dort erhellend wirken, wo sich Kunst längst von zeitlich-narrativen Strukturen gelöst hat?

Die ausdrücklich figürliche Malerei des Berliner Künstlers Dietrich Walther führt in die Welt massenmedial verbreiteter Bilder. Monochrom-flächig und auf klare Konturlinien reduziert nehmen Walthers Bilder die Verbindung zu Comics, stärker noch zu den mit Leere arbeitenden japanischen Mangas auf. Im Gegensatz zur Bildsprache der Mangas jedoch verweigern sich Walthers Bilder jeglicher Narration. Die Figuren erscheinen isoliert, ihre Gesten rätselhaft. Bisweilen sind es lediglich ausschnitthaft gezeigte Hände oder Füße in starker Vergrößerung, die auf sonderbare Weise miteinander interagieren. Berührungen oszillieren zwischen Intimität, sterilem Investigationsdrang und Aggressivität. Eingefrorene Blicke geben nichts wirklich preis. Selbst das Geschlecht der Figuren ist im Androgynen aufgehoben.

Wie viele zeitgenössische Künstler greift Dietrich Walther für seine Arbeiten auf fotografische Vorlagen zurück. Bei ihm sind es seit Jahren ausschließlich pornografische Bilder aus dem Internet, die er in einem aufwendigen Bearbeitungsprozess reduziert. Obwohl die sexuelle Handlung als Akt menschlicher Entäußerung und Nacktheit die Wahl der Vorlagen bestimmt, blendet Walther diese Handlung in seinen Arbeiten aus. Im Prozess sich fortschreibender Reduktion mutieren die Menschen zu bloßen Chiffren. Die Reduktion wirkt jedoch noch über die Transformation des menschlichen Körpers hinaus und tilgt alle raum-zeitlichen Bezüge. Die Figuren erscheinen entwurzelt und verloren, sie schweben in völliger Dimensionslosigkeit. Dieses Schweben in Kombination mit der Entindividualisierung der Figuren bewirkt den Eindruck des Entrücktseins und ist bei Walthers Arbeiten sakral konnotierbar. Es wird eine Sehnsucht nach Halt im Religiösen erkennbar.
In konsequenter Auseinandersetzung mit Francis Bacon und den bei ihm so eindringlich verfolgten Fragen nach Gewalt und Bedrohung des Menschen ist Dietrich Walther zu seinen heutigen Arbeiten gelangt. Bacon wollte eigenen Äußerungen zufolge, was er zu sagen hatte, „so direkt und unverfälscht wie möglich herausbringen“, da die Rezipienten fühlen sollten, „wenn etwas sie direkt betrifft, daß das schrecklich ist“. *2

Vor diesem Hintergrund sind die Wunden oder der immer wiederkehrende schreiend-aufgerisse Mund des Papstes bei Bacon zu verstehen.

Auch die Arbeiten Dietrich Walthers zeigen noch bis zum Jahr 2001 Verletzbarkeit und Schmerz am menschlichen Körper selbst: Die Leiber erscheinen deformiert, ihre Wunden bloßgelegt; bisweilen ist selbst der Bildträger in dieser Absicht durch Schnitte aufgerissen. Seit inzwischen acht Jahren hingegen tritt bei Walther an die Stelle der unmittelbaren Verletzung des Körpers die ästhetische Glättung der Figuren.

Der Prozess der Bildentstehung allerdings birgt noch die ursprüngliche Unruhe: Walther überzieht die grundierte Leinwand zunächst vollständig mit roter Farbe. In einem zweiten Schritt legt er die Figuren durch in Kohle gezeichnete Konturlinien an, die er anschließend fixiert. Erst dann beginnt der eigentliche Prozess des Malens, der von gestischen Aktivitäten völlig frei ist und im ebenmäßigen Ausmalen der angelegten Flächen von Figuren und Grund besteht. Dabei reicht die gemalte Fläche nie bis an den Kohlekontur, so dass der rote Grund der Leinwand beidseitig dieses Konturs hervor scheint. Für die Bildwirkung ist dieses Aufflackern des Grundes entscheidend: Es verursacht Beunruhigung, ein je nach Abstand vor den Bildern stärker oder schwächer wahrnehmbares Flimmern.

Die unmittelbare Verletzung des menschlichen Körpers im Bild ist einer grundlegenden Verunsicherung in der Wahrnehmung der Figuren gewichen, die den makellosen Leinwänden nicht ad hoc, sondern erst bei intensiverer Auseinandersetzung zu entnehmen ist.

Wie aber sind Intensität und Konzentration angesichts medialer Bilderflut heute zu erreichen? Von zentraler Bedeutung für die Wirkkraft der neueren Arbeiten Dietrich Walthers ist ihre Positionierung im Kontext medial vermittelter Bildwelten. Indem Walther von Internetvorlagen ausgeht und seine Arbeiten dann der Pop-Ästhetik annähert, positioniert er seine genuin künstlerische Haltung zwischen zwei Strängen medialen Bilderflusses. Wie ein retardierendes Moment schieben sich seine Bilder anämischer Figuren zwischen diese beiden Stränge und erreichen jene „Einbildungskraft“, die Lessing für den fruchtbaren Augenblick in der Malerei postuliert hatte. Dabei ist Lessing nicht im engeren Sinne auf gegenwärtige Kunst zu übertragen. Walthers Arbeiten entspringen keiner Narration, die etwa in einem Spannungsbogen verliefe, irgendwo ihren Höhepunkt und entsprechend zuvor oder danach einen fruchtbaren Augenblick hätte. Der mediale Bilderfluss hat sich über die Vorstellung  einer sukzessive verlaufenden und nachvollziehbaren Handlung gelegt, er tritt an die Stelle der Narration. In diesem Strom medial vermittelter Bilder allerdings gelingt es Dietrich Walther, einen fruchtbaren Moment auszumachen. Er positioniert seine "trans figures" konsequent dort, wo sie Einhalt gebieten und die Frage nach der menschlichen Existenz unter den Bedingungen massenmedialer Kommunikation neu aufwerfen.

 

*1 Gotthold Ephraim Lessing, Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie (1766), in: Lessings Werke in fünf Bänden, Bd. 3, Berlin/Weimar 1975,

S. 183

*2 David Sylvester, Gespräche mit Francis Bacon, München 1982, S. 49

 

 

Pornographie- aber nicht wirklich      (Nora Sophie Kienast, Lübecker Nachrichten, 14.5.2009)

 

Ausdrucksstark sind die grossformatigen Bilder von Dietrich Walther, die den Besucher in der Galerie Kunstraum Mühlenstrasse empfangen. Zu sehen sind Menschen, reduziert auf Mimik und Körperhaltung, die dem Betrachter mit leeren Augen entgegenblicken. Reduziert ist auch die Farbigkeit der Bilder, meist kommt der Berliner Künstler (Jahrgang 1959) mit zwei Farbtönen aus. Wie Druckgrafiken wirken die Werke, auf denen zum Teil auch nur Körperteile zu sehen sind. Doch es sind keine Drucke, sondern aufwendige Ölbilder. Zuerst grundiert Walther Leinwände in starkem Rot. Dann zeichnet er mit Hilfe von Kohle die Konturen der Motive. Später trägt er dann einige Schichten Ölfarbe auf, bis auf einen Rand um die Kontur. Durch diesen rot-schwarz changierenden Umriss wird den dargestellten Menschen Leben eingehaucht. Der Autodidakt Walther bezeichnet seine Kunst selber als „zeichnerische Malerei“.

Wie der Künstler auf seine Motive kommt, ist nicht gerade alltäglich: Seine Vorlagen sind Pornobilder aus dem Internet, für Walther ein „idealer Fundus“. Jeden Tag werden tausende Bilder hochgeladen. Jedoch interessiert ihn nicht der pornographische Aspekt, sondern der Mensch mit seinen Gefühlen, die er hinter den lasziven Darstellungen sofort erkennt. „Aus flüchtigen Bildern etwas Dauerhaftes machen“, so der Maler selbst.Transformiert wurden die meist androgynen Akteure auf Walthers Bildern, herausgeschnitten aus dem Zusammenhang, auf sich selbst zurückgeworfen. Durch die räumliche Begrenztheit der Galerie entwickelt sich eine Intimität zwischen den Motiven und dem Betrachter. Allerdings würde den Bildern mehr Raum zur Entfaltung auch nicht schaden.

 

 

Im All der Kommunikation     (Dr. Ralf F. Hartmann über den Bilderzyklus  "trans figures", Oktober 2007)

 

Hände greifen nach dem Nichts, Füße suchen einen letzten Halt, Körper versinken im endlosen Raum. Mit seinen neuen Arbeiten gelingt dem Berliner Maler Dietrich Walther eine ebenso eindringliche wie reflektierte Analyse des Menschlichen im Zeitalter der Kommunikation. In der Bearbeitung omnipräsenter Bilder aus dem world-wide-web begibt er sich auf die Suche nach dem Subjekt im Zustand seiner größten Bedrohung und beleuchtet in bildgewaltigen Metaphern die identitären Deformationsprozesse der medialen Gegenwart. Die präzise Beobachtung menschlicher Körperlichkeit, Mimik und Gestik sondiert gleichermaßen das empfindlich gestörte Verhältnis zwischen Öffentlichkeit und Privatheit wie sie die scheinbar unbegrenzte Verfügbarkeit von Intimität zum Untersuchungsgegenstand erhebt.

Als motivische Grundlage dienen Walther pornografische Bildmotive privater und kommerzieller Sexseiten aus dem Internet. Ihre zumeist identitätslosen Akteure kommen dilettierenden Statisten in einem anonymen Theater gleich, das nicht nur zum exakten Abbild sexueller Begierden und normativer Verhaltensweisen im postindustriellen Kommunikationszeitalter, sondern überdies zur Fixierung eines sozialen Status quo des Menschlichen taugt.

Aus jeglichem individuellen wie kollektiven Kontext isoliert und in chiffrenhafter Reduzierung wiedergegeben avancieren die dramatischen Charaktere der Bilder zu beinahe emblematischen Signifikanten veränderter Wahrnehmungsprozesse unter dem Einfluss des Medialen. Walthers abstrahierte und hochästhetische Figurenfragmente generieren sich aus wenigen konturhaften Umrisslinien und einer geradezu plakativ reduzierten Farbigkeit, die mit der Erinnerung an grafische Bildsequenzen von Comics und Mangas spielt. Im Gegensatz zu diesen rekonstruieren die seriell angelegten und großformatigen Bildreihen aber keine veränderte narrative Struktur analog zur Bildquelle, sondern beanspruchen vielmehr symbolische Funktion hinsichtlich ihrer Konzentration auf wenige körperliche Bewegungsabläufe und ausschnitthaft monumentalisierte Gesten. Zentrale Bildmotive der erotischen und fetischisierten Aufladung sind vollkommen aus ihrer interaktiven Struktur isoliert und entwickeln auf nahezu monochromen Bildflächen schwebend ein seltsam anmutendes Eigenleben bar jeglicher Rückkopplung an eine irgendwie geartete Realität. Körperfragmente treten in einen autistischen Dialog ein, maskenhafte Physiognomien generieren absurde Formationen und stellen in ihrer kalten Beziehungslosigkeit die klassischen Darstellungsmodi des Figürlichen auf den Kopf. Aus bedeutungsvollen Gesten entwickelt sich ein hilfloses Agieren im bodenlosen Raum. Jeglicher Halt an gesellschaftlichen Konstellationen, persönlichen Bindungen und kommunikativen Verhältnissen scheint den Figuren abhanden gekommen und gibt sie stattdessen der symptomatischen Verlorenheit im All der Kommunikation preis. In einem Meer androgyner Körper buchstabieren Walthers Figuren eine elementare Zeichensprache, die sich jenseits tradierter Handlungsräume neue Kommunikationsstrukturen erobert und gerade deshalb eine so ungemein suggestive Wirkung auf die Betrachtenden entfaltet.



Zu den neuen Bildern von Dietrich Walther      (Martin von Ostrowski, 2001)

 

Dass ein Fotograf sich der Malerei zuwendet, scheint auf den ersten Blick zu erstaunen. Sieht man die Bilder von Dietrich Walther, so wird sofort klar, warum dieser Schritt vor acht Jahren erfolgte.

Statt der Abbildung der äusseren Realität und ihrer Stofflichkeit führen die Werke den Betrachter zu einer inneren Sicht, offenbaren die Verletzlichkeit menschlicher Existenz, ihre Fragilität und Ungewissheit.

Mit einer erstaunlichen handwerklichen Perfektion baut der Maler sein Labyrinth von Symbolen, Körper- und Tierdarstellungen, die eine innere Welt für sich bilden, die den Betrachter in Bann ziehen, aber auch beunruhigen können. Die Arbeiten bestehen aus Hartfaserplatten, auf die mit Farbspritzern strukturierte Papiere oder Leinwandausschnitte geklebt sind. Auf diese Untergründe zeichnet und malt Walther mit wasserlöslichen Kreiden seine Figuren in Rot- und Erdtönen, so dass allein die Farbwahl ein inneres Glühen, einen erregten Gemütszustand der Figuren assoziieren lässt.

Das Ausgangsmaterial für den Künstler sind Zeitungsfotos von nackten Menschen oder Tieren, die er an einer Atelierwand sammelt und zur Anregung benützt. Der schöpferische Prozess findet als Klärung statt. Die künstlerische Energie ergibt sich in de äussersten Reduktion und in der Verfremdung des vorgefundenen Materials. So bilden die Figuren Walthers teils absurd entstellte, zugleich aber auch realistisch geformte Wesen. Sie sind immer beides: Verzerrung und Reflex der Schönheit, Sterbende und Lebende, sich auflösend und doch fest, glühend und kalt. Der Künstler fängt in seinen Darstellungen die Paradoxie des menschlichen Lebens ein. Die Gegensätze von Begehren und Erfüllung, von Leid und Erlösung bündeln sich und verweisen auf einen gedanklichen Prozess, vielleicht aber auch auf ein transzendentes Element, in dem sich Gegensätze aufheben.

Auf Grund der strengen Durchbildung der Form strahlen die Arbeiten eine grosse Ruhe aus. Man spürt, dass diese Klarheit einer intensiven Auseinandersetzung mit sich selbst abgerungen ist. Man kann sie als Selbstportraits sehen, die eben nicht das Äussere, sondern Gefühltes spiegeln.

Auf dem Diptychon „Der Blick hinüber“ aus dem Jahr 2000 sind auf den beiden Tafeln zwei Wesen wiedergegeben: auf der linken stützt sich eine menschliche Figur in der Art eines klassischen liegenden Aktes auf einen Arm. Die rechte Tafel zeigt ein neugeborenes Lamm mit noch nicht geöffneten Augen, das herabhängt. Beide Wesen verbindet die diagonale Abschlusskante eines abstrakten Bildelements, das aber zugleich eine Trennung darstellt. Wie gehäutet wirken die Leiber, deren Körperschatten als Wunden gedeutet werden können. Die Einfachheit der Komposition, die Beschränkung auf nur wenige Farbnuancen von Rotbraun und Schwarz auf hauptsächlich weissem Grund erleichtern dem Betrachter den Zugang zur Schwere der Thematik: das Leiden der Kreatur, ihre Isolation, ihre Sprachlosigkeit.

Erinnerungen an die Harmonie der klassischen Antike prägen die neuesten Arbeiten. Dort sieht man auf verschiedenfarbigen Gründen Details von Körpern wie ein Gesicht, einen Arm oder andere Gliedmassen. Auch hier verfremdet Walther die Körperteile, doch im Zusammenhang mit den meist pastellenen Hintergrundfarben ergibt sich eine heitere Wirkung, die trotz aller grotesken Elemente der Schönheit und der Lebensfreude huldigt.

"Nackte Körper und der Raum dazwischen", Tagestipp, Berliner Zeitung, 2001

 

Vor acht Jahren begann der damalige Fotograf Dietrich Walther zu malen. Es zog ihn weg von der äusserlichen Realität zu einer inneren Sicht- auf die Schönheit, aber auch Verletzlichkeit des Wesens Mensch. Fortan war die Dialektik von Leben und Tod, Schönheit und Verfall, Begehren und Abweisung Thema. Viele Bilder, auf denen er blosse Körper vor pastellenem Hintergrund streng verfremdet, dürften Selbstportraits sein.

Gemalte Körperwelten, Ausstellung des „Bilderherstellers“ Dietrich Walther

(Meike Respondek, Der Tagesspiegel 2000)

 

Selbsterlebtes und Gehörtes“ heisst die Ausstellung des Berliner Künstlers Dietrich Walther, der sich selbst nur kühl „Bilderhersteller“ nennt. Die Werke des 41-jährigen sind denn auch unpathetisch, für den ehemaligen Fotografen ist nicht der Schaffungsakt an sich von Bedeutung, sondern sein Ergebnis. Dies erinnert mit der Ausschliesslichkeit der Farben Rot, Schwarz und Weiss

sowie der chirurgisch ähnelnden Konzentration auf den menschlichen Körper an die Ausstellung Körperwelten.

Die zehn grossflächigen Bilder thematisieren eine schonungslose Selbstanalyse des Menschen, die mit ihrer naiven Offenheit sowohl die Hässlichkeit der Realität offenbart als auch die Verletzlichkeit des Menschen.

Die zerbrechliche Schutzbedürftigkeit drückt Dietrich Walther durch seine Technik auf groben Holzplatten aus. Mit Papier, Klebstoff und Farbklecksen rauht er den Untergrund an, teilweise steigern Teppichmesserritzereien und Schnitte mit der Flexmaschine den Eindruck der Verletzlichkeit und Verstümmelung. Diese zerfurchte Oberfläche steht im Gegensatz zu der Exaktheit der gemalten statischen Figuren. Die perfektionistischen Körper zeigen über ihre Oberfläche das Innere, teils sind sie trotz ihres idealistischen Äusseren nur verstümmelte Fragmente. „Ich will das Missverhältnis von Körper und Seele darstellen“, sagt Walther. Er sieht im Menschen keine geborgene Einheit, sondern eine leidende Kreatur ohne Rückhalt, vollkommen isoliert. Deswegen ist der Hintergrund, aus dem die Figur haarscharf abgetrennt heraustritt, in kahlem. kaltem, hoffnungslosem Weiss gehalten. Der Mensch steht davor, abgetrennt von seinen Bezügen. Das macht ihn verletzlich, aber auch aggressiv, was sich in der unerträglichen Härte der roten und schwarzen Farben ausdrückt. Für Dietrich Walther symbolisieren seine körperlich unvollständigen Figuren das Leid einer Welt, in der sich der zerstörerische Mensch selbst zu verlieren droht.

Dietrich Walther: Bilder-Objekte-Skulpturen, "Tip Berlin", Kunst Highlights, 1999

 

"Das fast Unmögliche versuchen: menschliche Magengruben finden, die eigene inklusive, das Netz des Nervensystems blosslegen, Bilder dort patzieren, zur weiteren Verarbeitung. Gibt es klitzekleine Momente des Gleichseins? Vielleicht, doch Verdautes sieht nicht unbedingt gleich aus, letztendlich sieht man allein", schreibt der Künstler gleichsam als Motto in seinem Katalog. Und es gelingt ihm sehr wohl, verstörende Momente menschlicher Existenz zu thematisieren. Nebenbei sind es ästhetische Kompositionen, die das vordergründige Motiv des Leidens in den Hintergrund drängen.